Cândhûn
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Landkarte
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Tástálai Fórash — Der Wald der Reisenden

Landschaft in Caelan-Ait Landschaft in Caelan-Ait

»Wagst du dich zu tief hinein,
wird hier dein letztes Zeugnis sein,
denn niemals wieder wird gesehen,
der Tor,
der es wagt, abseits der Wege zu gehen.«

Die Klänge der Laute schwebten über den Flammen des Kamins, als wären es Farben und nicht Töne, die der Barde ihr mit seinen schlanken Fingern entlockte.
»Pâ, ist hinter dem Wald die Welt zu Ende?«
Énri hielt in der Bewegung inne und ließ kurz darauf seine Hände von den Saiten des Instruments abgleiten. Zusammen mit diesem leisen Schlussakkord wirkte seine Stimme noch getragener als gewöhnlich.
»Du meinst hinter dem Tástálai Fórash, dem Wald der Reisenden?«
Seine Tochter nickte eifrig.
»Nein, folgst du der Handelsstraße gen Norden, führt sie bis hoch in die Kristallklippen nach Cávhicôn an der Küste. Auch der Rand der Insel ist nicht das Ende. Nur das Ende der uns bekannten Welt.«
»Wo ist denn da der Unterschied?«
Énri lachte leise. »Vermutlich hängt das ganz davon ab, wen du fragst. Die Völker dort oben kennen vielleicht noch einen anderen Teil der Welt.«
»Vielleicht? Das heißt - vielleicht auch nicht.«
Der Barde nickte nachdenklich.
»Ich meine«, fuhr das kleine Mädchen mit den rabenschwarzen Haaren fort, »dort kann niemand hindurch, stimmt es? Cávhicôn liegt in einem Talkessel, der nur über die Handelsstraße erreichbar ist. Hinter den Wald kann also niemand blicken.«
»Es gibt dort noch die Jerguhir. Ein Volk aus dem Oberen Grasland. Sie treiben Handel mit den Einwohnern der Kristallstadt. Die solltest du eines Tages dazu befragen«, schlug ihr Vater vor.
»Bitte erzähl mir mehr von dem Wald, Pâ!«
Erneut griff ihr Vater in die Saiten, um die bildhaften Klänge zu beschwören, die seine Lieder und Geschichten zu einem einzigartigen Erlebnis für seine Zuhörer machten. Dies war seine besondere Gabe.
»Der Tástálai-Fórash, wie er bei uns in Cáelán-Ait und von seinen Bewohnern genannt wird, beherrscht fast den gesamten Norden Cândhûns und damit den größten Teil der Landmasse unserer Insel. Er ist tief, ein Urwald aus alten Laub- und Nadelbäumen und auch Moorgebieten. Zwar führt die große Handelsstraße durch diesen Wald und die Randgebiete werden von mutigen Einheimischen bewirtschaftet, niemand jedoch wagt sich tiefer in ihn hinein. Allein entlang der Handelsstraße liegen vereinzelte Dörfer und Herbergen.«

Die geschickten Finger des Erzählers griffen etwas fester zu, die Töne wurden eindringlicher.
»Wer den Pfad verließ, soll völlig verändert, oder gar dem Wahnsinn nahe gewesen sein, falls er gefunden wurde.
Von vielen Gerüchten und Legenden kann ich dir berichten, die mit diesem Wald verwoben sind, wie die mannshohen Spinnennetze tief in seinem Inneren.
Es heißt in der Mitte des Waldes sei ein Ort, an dem die Grenze zwischen dem Hier und der Anderswelt so dünn wie Schmetterlingsflügel ist. Die Kraft, die diesen Ort durchströmt, ist die Energie der Elemente.
Wasser, Luft, Erde, Feuer, Stein und Holz harmonieren hier in einer solch perfekten Balance, dass der Wald um diesen Ort zum Leben erwachte. Nur die Auserwählten des Waldes bleiben unbeschadet und können bis zu seinem Herzen vordringen. Bist du unerwünscht, verschwinden Pfade plötzlich im Nichts oder führen in die Anderswelt, ein Dickicht wird undurchdringbar, Waldgeister spielen Schabernack mit dir.
Ob an den Geschichte etwas wahr ist oder nicht? Jede Geschichte enthält einen Funken Wahrheit, den Samen, aus dem sie erwuchs. Welche Wahrheit das ist, musst du selbst herausfinden, Tilhâlhûnella.

Nicht jedem ist es gestattet,
einzutreten in seine Mitte,
bist du wahrhaft suchend nur,
erhört er deine Bitte«,
schloß Énri mit dem letzten Vers des Kinderliedes, mit dem er ursprünglich begonnen hatte.

Énri aus Brûel, Hěwna-Geweihter, Geschichtenerzähler
Irolsen - im Grenzland am Delta der Krenn, cáelánische Seite, Nordareale,
Dunkelmond im Jahre 566 des Großen Schweigens (altdurische Zeitrechnung),
/Dunkelmond im Jahre 133 durischer Ratsherrschaft (durische Zeitrechnung),

21 Jahre vor der Zeitenwende

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Cáelán-Ait

Landschaft in Caelan-Ait Landschaft in Caelan-Ait

»Was ich über mein Land sagen kann? Warum willst du das denn wissen, Kleine?«
»Das verrate ich dir nur, wenn du mir eine ehrliche und ausführliche Antwort gibst, Llew«, sie blickte gespannt zu dem Krieger am Zelteingang. Er saß dort auf einem der bestickten sambrischen Kissen, die sie auf ihrer Reise als Sitzgelegenheit verwendeten. Seine Augen glitten von ihr ab, er wendete den Kopf und betrachtete das dunkle Grau der Außenwelt. Seit drei Tagen hielt der Regen an. Inzwischen hatte sich Fael an das andauernde Geprassel gewöhnt. Er würde ihr antworten, Llew war längst nicht mehr derart gleichgültig ihr gegenüber, wie noch wenige Monde zuvor, als er sich ihnen angeschlossen hatte.
»Cáelán-Ait«, fragte er gedehnt, »oder Cáelán-Aits Nordwesten?«
Das Mädchen mochte seine tiefe Stimme. »Das ganze Land«, antwortete sie daher, obgleich es für ihre Frage vielleicht unerheblich war, was davon er beschrieb.
»Na schön«, er wendete den Kopf und fixierte Fael für einen Moment, bevor er zu erzählen begann, »weder Klima noch Landschaft lassen sich mit denen Sambriens vergleichen. Abgesehen von ein paar felsigen Küstengegenden, haben die beiden Länder kaum Gemeinsamkeiten, obwohl sie im Süden ineinander übergehen.« Er machte eine vage Handbewegung in Richtung der südlichen Grenze.
»Wer Cáelán-Ait entlang der Handelsstraße erkundet, lässt sich leicht täuschen, nahe Duria von seinem fruchtbaren Ackerland und im Norden von seiner wilden Schönheit. Es mag der Eindruck entstehen, Cáelán-Ait sei für die Bauern leicht zähmbar und seine nördliche Hochebene ein romantisches Fleckchen im Herzen Cândhûns.«
Fael bezwang ein leises Kichern, das seine Wortwahl ihr eingebracht hatte. Der junge Krieger erwiderte ihren amüsierten Blick. Ein grünes Blitzen lag hinter seinen dichten Wimpern auf der Lauer. Nicht zu deuten, ob es sich dabei um seinen schier immer währenden Zynismus handelte, oder er es sich gestattet hatte, einmal gute Laune zu haben.
»Weiter, was verbirgt sich hinter der Täuschung?« Sie verfolgte, wie der Funken Neugier, der ihr entflattert war, bei ihrem Gegenüber das Schmunzeln intensivierte.
»Klirrend kalte Winter und heimtückische Moore, dazu die unvorhersehbaren Wetterumschwünge in den Bergregionen mit schweren Stürmen zu den Herbstmonden«, fuhr die dunkle Stimme mit dem weichen Akzent fort, »im Westen erwarten einen leichtfertigen Wanderer undurchdringliche Waldflächen. Natürlich nicht vergleichbar mit dem Wald der Reisenden, doch wer sich dort verirrt, hat große Schwierigkeiten, heil wieder heraus zu finden.«
»Welche Gegenden magst du besonders? Und die Menschen, wie sind die Menschen? Leben dort auch Elfen, Llew?« Diesmal ermahnte sie sich eindringlich ihren Wissensdurst zu unterdrücken. Schließlich sollte er frei erzählen, um ihr etwas von dem zu offenbaren, was sehr viel bedeutsamer war, als die bloße Beschreibung seiner Heimat.
»Elfen leben in Cáelán-Ait seit dem Putsch in Duria nicht mehr, sie haben sich weiter in den Norden Cândhûns zurückgezogen. Auch wenn der direkte Einfluss des Zentralen Rates nicht bis in die höheren Regionen reicht, ist es dort zu gefährlich für sie«, der ständige Schatten kehrte, bei diesen Worten, in die symmetrischen Züge des Mannes zurück, er raubte ihnen, mit einem Schlag, ihre Jungenhaftigkeit, »die Menschen sind fleißig, unbeugsam und haben Gemeinschaftssinn. Weit im Hochland gibt es noch viele, die den Alten Weg gehen und unseren einstigen Göttern bis tief in die Seelen treu geblieben sind. Der Rat wird sie niemals in die Knie zwingen!«
Eine kurze Pause seinerseits sorgte äußerlich für Stille, in Faels Innerem hatten die letzten hart klingenden Worte Aufruhr aufkommen lassen. Er näherte sich dem Kern und verließ diesen Pfad sogleich zusammen mit einem gezwungenen Lächeln, als er weiter sprach.
»Etwas Besonderes ist das südwestliche Heideland. Eine solche Landschaft findest du auf Cândhûn allein in Cáelán-Ait. Dort unten am Delta gibt es sogar einige Sandstrände. Ansonsten fällt es zum Meer hin eher steinig und steil ab. Wenn das Land dich so brennend interessiert, frag besser Vanadis, er verspürt mit Sicherheit mehr Verlangen danach eine Halbwüchsige in Heimatkunde zu unterrichten.«
»Charmant, Llew«, murmelte sie halblaut, »willst du nun wissen, weshalb ich gefragt habe?«
Nachdem er nichts gegenteiliges von sich gab, fuhr sie fort: »Vanadis hat mir gesagt, wenn du etwas über jemanden in Erfahrung bringen willst, frag ihn über sein Land aus und du wirst mehr über sein Seelenleben erfahren, als du glauben magst. Stelle dir einfach vor, er spräche von sich selbst.«

Große Senke, Sambrien
Windmond im Jahre 578 des Großen Schweigens (altdurische Zeitrechnung),

9 Jahre vor der Zeitenwende

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Sambrien

Sambrische Kultur
Sambrische Kultur

Obwohl die Grenze über den gesamten Norden ihres Heimatlandes verlief, hatte sie vorher noch nie einen Fuß in dieses Land gesetzt. Jetzt, da sie immer weiter in die offene Graslandschaft eindrangen, wehte nur noch selten der harzige Duft der Kiefern herüber. Stattdessen füllten die Unmengen kleiner gelber und blauer Blumen, die wie ein dichter Teppich unter den hohen Büscheln Pampasgras wuchsen, die warme Luft mit ihrem schweren, süßen Duft an. Das Surren der Insekten hob sich mit seinem geschäftigen Klang nicht von der honigzähen Atmosphäre ab, sondern komplettierte sie zusammen mit einem stetigen Windhauch, der in sanften Wellen die wolligen Grasblüten streichelte, zu einer friedlichen Einheit.
Die weißen Flocken, mit denen die Brise die Samen der Gräser durch die Luft trug, wehten Ella weich über das Gesicht und wiegten sich im langsamen Takt hoch hinauf in den Spätsommerhimmel.

Tilhlâlhû Rungards Tochter, Vhochâl-Geweihte, Seherin
am Rand der Handelsstraße, Sambrien
Schnittmond im Jahre 584 des Großen Schweigens (altdurische Zeitrechnung),

3 Jahre vor der Zeitenwende


Unter einem klaren blassblauen Himmel breitete sich die Graslandschaft aus, die Sambriens Sandwüste im Süden, wie Osten, als breite wollige Krempe auslaufen ließ. Ein graugrünes Meer aus wogenden Halmen, durchzogen von farbenfrohen Blüteninseln und vereinzelten Kampela-Bäumen, mit ihren gedrungenen Stämmen und flach gefächerten Blättern.

[...] Die Zeit bis zum Einbruch der erlösenden Dunkelheit verging schleppend, wie die Hufschläge im feinkörnigen Untergrund. Ihre Gedanken wiegten sich dünenweise fort, blieben scheinbar am selben Fleck. So gleich der Sand, die Hügel, die Hitze.
Dennoch hatte es sich als richtig erwiesen die Stadt verfrüht und vor Anbruch der Nacht zu verlassen. Die Nachricht, die sie am Tor ereilt hatte, bewies es.
Unvermittelt riss ein Geräusch dicht hinter ihrem Kopf die Seherin aus ihrem Trott. Eine kalte Klinge presste sich schmerzhaft an ihren Hals. Zeitgleich mahnte ein Zischlaut zur Stille. Sie gehorchte.
Oder sollte sie es nicht? Unterzeichnete Ella damit nur das Todesurteil für sie alle? Unwillkürlich drückte sie sich nach hinten, um einen Abstand zu der Klinge zu bekommen. Es war niemand hinter ihr. Entsetzt riss Ella den Kopf herum. Nichts, nur die Wüste, ihre sanften gleichtönigen Erhebungen und Leere.

Tilhlâlhû Rungards Tochter, Vhochâl-Geweihte, Seherin Große Senke/Westliche Wüste kurz vor den Toren Kosh Ibis, Sambrien
Lichtmond im Jahre 585 des Großen Schweigens (altdurische Zeitrechnung),

2 Jahre vor der Zeitenwende

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