Cândhûn
Wohin führt dich der Alte Pfad?
Impressum, Schlichtungsstelle und Datenschutzerklärung
Banner
Banner      EllaFaelJesmiaRodrikSámwyn

Sámwyn Scánlón
Melshûr Cáelán-Aits – Sprecher der Nordareale, Sidgár-Geweihter

»Sám, du weißt, du bist nicht allein! Unser gesamtes Land steht hinter dir, Melshûr.«
»Ich weiß, Bruder.« Sámwyn löste sich aus der Umarmung.
›Melshûr‹, seltsam diesen Titel, der so viel wie ›Sprecher Cáelán-Aits‹ bedeutete, auf sich selbst bezogen zu hören. Nichts von alle dem hätte geschehen dürfen! Er spürte, wie die Verzweiflung erneut in ihm zu wüten begann. Mit einem tiefen Atemzug versuchte er sich unter Kontrolle zu halten.
»Sie werden den Untergrund ausweiden, wie ein Stück Schlachtvieh, bis niemand von uns mehr am Leben ist. Letzten Endes wird unser Land unter die Herrschaft des Zentralen Rates fallen«, flüsterte er bitter.
Sein Vetter packte ihn an den Schultern und zwang ihm einen Blick in seine Augen auf. »Nein Sám, das wird nicht geschehen!« Die tiefe ruhige Stimme des Freundes legte sich über seine Hilflosigkeit, wie ein nasses Tuch über einen Brandherd. Er fühlte die Gewissheit mit, die Llew ihm für diesen Moment schenkte, doch darunter spürte er brennend die Wunde, die die Ereignisse vom Vortag gerissen hatten.
»Ich werde herausfinden, wer dafür verantwortlich ist!«
»Sám, nein, dafür müsstest du nach Duria reisen, und abgesehen von der Gefahr, die das für dich bedeutet - du bist der Nachfolger deines Vaters. Gerade nach solch einem Ereignis solltest du unseren Leuten Mut machen. Cáelán-Ait muss geeint bleiben, das ist unsere Stärke!«
Die Worte wirkten fest, ließen keine andere Sicht der Dinge zu. Doch Sámwyn glaubte, dass sein Vetter besser als sonst jemand verstand, was ihn trieb und dass er ihn gehen lassen würde.
»Vanadis, Connair oder du selbst könntest meinen Platz einnehmen.« Sám verbarg für einen Lidschlag sein Gesicht in den Händen, er rieb sich über die Augen und strich sich die braunen Locken hinter die Ohren. Innerlich spürte er bereits seit gestern, wie der erstarkende Wunsch nach Vergeltung nach und nach alle anderen Gefühle in den Hintergrund drängte. Allein um die Verzweiflung und das Leid nicht mehr fühlen zu müssen, wollte er handeln.
Llew beobachtete ihn stumm, er presste die Lippen aufeinander und hielt weitere Worte des Bedenkens zurück. Vermutlich da er wusste, dass sie in der Hitze der Wut des Jüngeren wirkungslos verdampfen würden. Die Wut und der Wunsch danach ihr Luft zu machen hielten Sám aufrecht. Er würde kaum in der Lage dazu sein, auch nur einem einzigen Cáelánen Mut zu machen, wenn er nicht selbst den Verantwortlichen zur Rechenschaft zog.
Noch glaubte Sám sich im Zwiespalt, da er sich verpflichtet sah, übergangslos die Nachfolge seines Vaters anzutreten. Sein Blick fiel auf seine angesengten Schuhspitzen, augenblicklich wurde er sich des Rauchgeruchs bewusst, der ihm anhaftete. Die Bilder flammten in ihm auf. Im selben Moment, noch bevor die damit verbundenen Gefühle in ihm hochschossen, spürte er den Druck von Llews Händen auf seinen Schultern stärker werden.
»Lass mich dich begleiten, Sám!«
»Nein.« Der junge Melshûr überwand sich, seinem Freund noch einmal in die Augen zu sehen. »Du musst es meiner Frau sagen. Versprich mir, es selbst zu tun, Llew. Sei für Jesmia da, weil ich es nicht sein kann.«
Llew beendete die Berührung, die Sám auf seltsame Weise beruhigend und mahnend zu gleich erschienen war. Er ließ ihn gehen.
»Du hast mein Wort, Bruder«, antwortete er rau. Das leuchtende Grün in dem Blick seines Vetters wurde von einem Grauschleier verdeckt, als reflektierten sie das Schwelen der Trümmer, dachte Sám.

Bergpass der Handelsstraße, cáelánisches Hochland, Nordareale
Schnittmond im Jahre 583 des Großen Schweigens (altdurische Zeitrechnung),

4 Jahre vor der Zeitenwende

nach oben ↑

Jesmia
Vhe'etaress – Bewahrerin des Wissens des Bergvolkes, Mahee-Geweihte, Heilerin

»Mahee denga lu fach nani saa. A lu sinoka nu ri bat'na.« Jesmia ließ ihre Segenswünsche wirken. Das Quellwasser sprudelte über ihre geöffneten Handflächen und lief kühlend die Unterarme herab. Sie spürte, wie ihr Puls darunter zur Ruhe kam. Mahee spülte die Angst ab, von der die junge Halbelfe noch immer ergriffen war.
Seit sie aus Eibenhain zurück war und wusste, dass Sám, ihr Mann, sich in Duria aufhielt, quälten sie die Gedanken um seine Sicherheit. Was hatte Llew gesagt?
›Er liebt dich und wird zu dir zurückkehren.‹ Darauf vertraute sie.
»Mahee mach‘at fach shu‘war lu luzaar!« Sie benetzte andächtig Gesicht, Brust und Bauch. Kleine Tropfen perlten zwischen den Federn und Holzstückchen der vielen Ketten über ihrer Haut hindurch. Einige ihrer rotbraunen Haarsträhnen färbten sich dunkel und glätteten sich vom Gewicht des Wassers, das sie durchtränkte.
»Natoch ru‘osh – toka natoch ru‘osh ak lu luzaar.« Die weiche Stimme Jesmias fügte liebevoll die Worte zusammen, die ihrem Mann am anderen Ende der Insel Kraft geben sollten.
»Möge der Wind die Tropfen bis nach Duria tragen und auf dich herab regnen lassen, Méach!« Zu dem Quellwasser mischten sich ihre Tränen. Gleichzeitig fühlte Jesmia die Erleichterung, ihre Sorgen an Mahee abgegeben zu haben. Noch einmal kühlte sie ihre Hände und Wangen, dann zog sie ihr Hemd wieder an und wandte sich zum Gehen.
»Mo'at shahash tûka Jahir, Jesmia.« Es war die Stimme ihres Vaters. Niemand sonst im Wald sprach die seltene Mundart des Bergvolkes. Sie antwortete ihm auf dialektfreiem Sambrisch noch bevor sie ihn zwischen den dichten Blättern ausmachen konnte: »Mach'at Jahee toka nu'din, Cûgûrin.« Ein Schritt teilte das satte Grün und er schloss sie in die Arme.
Ihr Vater führte das Bergvolk, einen Elfenclan aus dem Süden, außerdem gehörte er, wie sie selbst, der Gemeinschaft des Waldes der Reisenden an. Da er sich beiden Gruppen verpflichtet fühlte, sah sie ihn fast ebenso selten wie ihren Ehemann, Sámwyn.
»Sámwyns Familie – alle tot!«, flüsterte sie an ihren Vater gelehnt. Das Gebet kurz zuvor an der Quelle hatte ihre Gefühle besänftigt. Jetzt, da sie ihre eigenen Worte hörte, fühlte Jesmia sich wie betäubt. Dennoch war sie froh, dass der Schmerz zu diesem Zeitpunkt nicht erneut aufriss.
»Ich weiß – es tut mir Leid für deinen Mann.« Der großgewachsene Elf schob seine Tochter ein Stück von sich weg, um ihr in die Augen sehen zu können. Für einen Moment tat er nichts weiter als das.
»Woher«, setzte sie an.
Cûgûrin wartete ihre Frage nicht ab. »Corîniel hat mit mir gesprochen.«
Er fiel ihr ins Wort, das war ganz und gar nicht seine Art. Erst in diesem Moment begriff Jesmia, dass er, wie Llew an diesem Morgen, ihre Gabe aussperrte. Bestürzt starrte sie den Älteren an. Was hatte ihn dazu gebracht, seine Gefühle vor ihrem sehenden Herzen zu verbergen?
»Vater, was tust du? Du weißt, ich bin stark.«
Das gedämpfte Licht ließ die Haut ihres Vaters grau wirken, als würde zusammen mit dem Tag, der sich dem Ende neigte, auch seine Kraft schwinden, dachte sie. Die Vögel im Dickicht begannen bereits mit ihrem Abendgesang.
Sie griff nach seiner Hand. Ein leichter Gegendruck legte sich um ihre Finger.
»Corîniel wirkte sehr verwirrt, ich mache mir Sorgen um meine Schwester.« Er verstummte gleich wieder.
Jesmia begriff. Corîniel war die Zwillingsschwester ihres Vaters, zwischen ihnen bestand ein derart starkes Seelenband, dass nicht allein die Sorge um sie an seinen Kräften zerrte. Sie war mit den Augen der Anderswelt geboren worden, seit mehreren hundert Jahren galt dies als Seltenheit auf Cândhûn. Es gab vielleicht eine Hand voll Sehender über die Insel verteilt. Corîniel musste eine Vision gehabt haben. Beklommen versuchte sie ihre Kehle zu lockern, um dann schweigend neben ihrem Vater zum Nordrand des Tales zu laufen. Als das Baumhaus fast in Sichtweite war, hielt Cûgûrin seine Tochter zurück.
»Die kommenden Monde werden Stärke von uns allen fordern, mein Mädchen. Etwas kommt auf uns zu, da bin ich sicher. Die Gabe deiner Tante war nie leicht zu bewältigen, doch nun ist es für sie schwieriger denn je damit umzugehen. Das Netz des Schicksals Cândhûns zieht sich zu, wie eine Schlinge!«

Heilige Quelle im Tástálai Fórash, Wald der Reisenden
Schnittmond im Jahre 583 des großen Schweigens (altdurische Zeitrechnung)

4 Jahre vor der Zeitenwende

nach oben ↑

Ella Weißbach
Klosterschülerin

Ella
Ella

Wolkenlose Frühsommersonne! Gab es etwas schöneres oder einen besseren Moment für ihre Freiheitsgedanken? Ella lehnte sich ein Stück weiter aus dem geöffneten Dachfenster und spürte den sanften Wind, der in dem aufgeheizten Blätterdach der großen Sommerlinden raschelte.
Nur noch drei Monde musste sie in dem verhassten Konvent verbringen, dann würde er sie los sein und sie ihn – für immer. Kein Gehäkel an Tischdeckchen, kein Annähen mehr von überflüssigen Rüschen, keine Benimmregeln aufsagen – Bankettetikette, ihr Leidensthema. Genug, dachte sie.
Doch ganz so würde es nicht sein, denn die junge Frau musste mit dem Ende ihrer Zeit im Konvent zurück zu ihrem Onkel Ragin, den sie ähnlich schätzte, wie diese Einrichtung hier. Sie sog noch einmal die honigduftdurchwobene Luft ein.
Vorsichtig, um keine Geräusche zu verursachen, schloss sie das Fenster. In den letzten Wochen in einem der verbotenen Zimmer erwischt zu werden, lag nicht in ihrem Interesse. Sofort umfing die staubige Raumatmosphäre Ella mit ihrem Verließcharakter. Sie blickte auf das aufgeschlagene alte Buch, dessen Inhalt der Grund für das Verbot war, diesen Teil des Hauses betreten zu dürfen.
›Dokumentation der Baumaßnahmen‹ war der Titel, der nicht im Mindesten durchscheinen ließ, weshalb dieses Buch zu lesen unter Strafe stand. Es war handschriftlich verfasst worden und zeugte nicht besonders von der Schreibkunst des Urhebers. Das kannte Ella bereits von anderen alten Werken. Je älter desto schwieriger zu entziffern, da das Schriftbild sich in diesem Teil der Insel Kandhun in den letzten Einhundert Jahren stark gewandelt hatte.
Plötzlich hörte sie die untere Treppenstufe knarren. Kam etwa jemand zu ihr herauf? Sie erstarrte in der Bewegung. Ihr Herz verdoppelte aufgeregt seine Schläge. Eindeutig Schritte. Sie flüchtete auf Zehenspitzen in eine Ecke des Zimmers hinter einen Wandschrank.
Die Tür öffnete sich. In diesem Moment rutschte eine lose Seite aus dem aufgeschlagenen Buch und segelte zu Boden. Ella presste sich mit dem Rücken an die Wand. In dieser Haltung konnte sie den Raum nicht mehr einsehen, sie hoffte inständig, dass dies bedeutete, sie würde ebenfalls nicht gesehen werden. Ihr Herzschlag begleitete die Schritte in die Mitte des Raumes. Dort verstummten sie. Die junge Frau spürte, ihre Atmung flacher werden.
»Bennet, bist du hier?«
Bei Alsuns tausend Türmen! Das war Walfried, dieser Winkelschreiber. Er war der Letzte, auf den die Klosterschülerin treffen wollte. Zuständig für alles, was mit der Mehrung des Reichtums des Konvents und seines guten Rufes zusammenhing. Er hatte sie vor einigen Jahren einmal einfangen lassen, als sie versucht hatte dem Schicksal, das ihr Onkel für sie erdacht hatte, zu entkommen. Ein zweites Mal hörte sie Schritte auf der Treppe, diesmal recht eiliger Natur.
»Walfried, beim Henker! Du machst ja ein Geschrei, dass uns die Hausmutter im Hof hören kann.« Die Stimme gehörte zu Bennet Bruckwart, dem Verwalter.
»Diesen Ort habe ich gewählt, damit eben nicht ganz Duria mitbekommt, was wir zu besprechen haben.« Den untersetzten älteren Mann hatte Ella bisher für einigermaßen solide gehalten. Was hatte er denn mit dem raffgierigen Schmierlappen Walfried zu schaffen?
»Also was hast du herausgefunden und bitte schlage einen geeigneteren Ton an«, flüsterte Bennet.
Der Angesprochene gab ein abfälliges Geräusch von sich. »Keine Bange alter Mann, dieses Arrangement birgt für uns beide nur Vorteile.« Die zischende Stimme übertrug mühelos seine Dünkelhaftigkeit bis in Ellas Versteck, sie hätte sich geschüttelt, hätte sie es in dieser Position gekonnt.
»Die kleine Hilgard, ist nicht nur eine Begabte, sie benutzt ihre Gabe auch und ich weiß nun, was sie so alles damit anstellen kann.«
»Übt sie die alte Religion aus?« Der Ältere klang schockiert.
Schockiert war auch Ella, sie presste sich entsetzt eine Hand auf den Mund, um keine unabsichtlichen Geräusche von sich zu geben. Nicht Hilgard. Sie würden sie an den Zentralen Rat ausliefern, ihr drohte eine hohe Strafe, für das unerlaubte Praktizieren der Gabe.
»Nein, sie benutzt sie allein, um sich persönliche Vorteile damit zu verschaffen. Doch das weiß ihr Vater nicht, dem habe ich meine Beobachtungen etwas ausgeschmückt mitgeteilt.« Er lachte selbstgefällig in sich hinein. »Den nächsten Arealvorstand werden wir maßgeblich mitbestimmen.«
»Vielleicht sollten wir es lieber vorschriftsmäßig melden...«
Walfried fiel ihm ins Wort: »Werde jetzt nicht weich Bennet! Hilgards Vater in der Hand zuhaben, ist das Beste, was uns passieren konnte. Und ein paar Nettigkeiten von der Kleinen obendrein. Wenn wir es melden, wird sie einige Jahre in Alsun verbringen, es wäre doch schade um die Annehmlichkeiten, die ihr Vater uns verschaffen kann. Mach dir keine Gedanken, ich habe das im Griff.«
»Also schön, dann behandeln wir die Sache eben weiterhin inoffiziell.«
Ella hörte die letzten Worte der beiden Männer kaum, die Aufregung und ihre flache Atmung verursachten gemeinschaftlich ein Schwindelgefühl, das an ihrer Körperspannung nagte. Sie konzentrierte sich auf ihre Haltung bis die Schritte der beiden über die letzte Treppenstufe knarrten, dann ließ sie sich auf den staubigen Boden sinken und wartete bis sie sich beruhigt hatte.
›Erlass des Zentralen Rates über die Umwandlung der Sháne-Tempel zu durischen Klöstern‹ stand auf dem Zettel, den sie zittrig wieder einsortierte, bevor sie das Buch an seinen angestammten Platz legte.
Was Walfried wohl ihrem Onkel abgeknöpft hatte, damit er sie bis zu ihrem fünfundzwanzigsten Lebensjahr hier her abschieben durfte? Ragin geschah es recht, dachte die junge Frau. Nach ihrem unerlaubten Ausflug nach Thomwede vor einigen Jahren war ihr deutlich gemacht worden, dass sie besser nicht wieder unangenehm auf sich aufmerksam machte.
Sie musste mit Hilgard sprechen, das war das mindeste, was sie tun konnte. Sie selbst wusste, wie es sich anfühlte, etwas verbergen zu müssen, das mit aller Macht ans Licht gebracht werden wollte. Die Gabe war stark in ihr, doch Ella zwang sie hinter dunkle Mauern, aus Angst vor den Folgen.

Konvent zu Eringfried, Duria
Tanzmond im Jahre 151 durischer Ratsherrschaft (durische Zeitrechnung)

3 Jahre vor der Zeitenwende

nach oben ↑

Rodrik Hartoskat
Inquisitor von Helladun

»Ja!?«
Zaghaft öffnete sich ein Spalt zwischen der Tür und der dicken Steinmauer seines Amtszimmers. Sofort drangen gedämpfte Schreie sowie das Jammern der Gefangenen an Rodriks Ohren. Er stöhnte auf. Enerviert winkte er den Störenfried herein.
»Der Bericht aus dem östlichen Grenzland, wie du verlangt hast, Inquisitor.« Der junge Soldat legte zögerlich eine Ledermappe vor Rodrik ab.
»Das wurde auch Zeit!« Er erhob sich mit einem Ruck und nahm die Mappe dabei vom Tisch auf. Das Zurückzucken des Soldaten gereichte ihm, als Zeichen des Respektes.
Ein kurzer Blick genügte, dies waren die Information, auf die er gewartet hatte. Um ganz sicher zu gehen, fragte er: »Wer hat unterschrieben?« »Berwin selbst, Inqusitor.«
Rodriks schmale Lippen spannten sich für ein Lächeln. »Gut.«
Der Junge wollte sich entfernen, durch den erneut entstehenden Türspalt drangen abermals die Schreie. Es war ihm anzusehen, wie sehr sie ihn berührten. Für Rodrik selbst lag es Jahre zurück, dass die Geräusche der Verliese Alsuns Gefühlsregungen in ihm ausgelöst hatten. Die Furcht vor dem Sterben, den Schmerzen bedrückend und raumfordernd, Hoffnunglosigkeit – all dies hatte er mitgefühlt, bis sein eigener Wille ihn dazu gebracht hatte, die Anteilnahme aus seinem Bewusstsein zu tilgen. Er wollte keine Zweifel an seinem Tun zulassen, geschweige denn eine Schwäche heraufbeschwören, die ihn seinen Status kosten konnte.
Weshalb hielten die Cáelánen nur derart an ihren alten Göttern fest? Offensichtlich empfanden diese weder Mitleid noch befreiten sie ihre Anhänger aus ihrer misslichen Lage.
Ein Vorteil seiner nüchternen Betrachtungsweise: Er kannte die Zeichen. Er sah das Aufblitzen brechenden Stolzes und hatte ein untrügliches Gespür für erblühende Panik. Es warnte ihn, noch bevor die Hoffnung auf Gnade das Ruder übernahm und sich vermeintliche Informationen zu Trugbildern wandelten.
Gewalt war erlernbar und die Routine tötete auf Dauer jede unerwünschte Emotion, oder änderte zumindest deren Bewertung.
»Warte«, Rodrik legte seine Hände an die Schläfen und ließ die schlanken Finger über seine Haut kreisen, »Die Frau am Ende des Ganges, die seit drei Tagen nach ihrer Göttin schreit – «
Es half etwas gegen die Kopfschmerzen, die ihm das Gejammer bereitete, sobald er sich hier in der Hauptstadt auf dem Amtssitz des Zentralen Rates befand. Wessen beispielloser Tölpelhaftigkeit er es wohl zu verdanken hatte, dass die Räumlichkeiten der Inquisitoren auf der selben Ebene wie der Gefangenentrakt angelegt worden waren?
»Ja, Inquisitor? Die Frau?«
Nun, das würde in Kürze nicht mehr sein Problem darstellen. Wenn dieser Plan erfolgreich war, würde er einen Arealvorstand erhalten, oder zumindest Großinquisitor werden.
»Hängt sie! Und den Mann aus den Nordarealen in Zelle Vier ebenfalls.«
Der Soldat bewegte sich nicht, stattdessen bemerkte Rodrik aus dem Augenwinkel, wie sein Mund mehrfach auf und zu klappte. Er senkte die Hände, hob den Kopf und fixierte den Jungen.
»Weshalb?«, flüsterte dieser und wich den blassblauen Augen des Inquisitors aus, die ihn wütend durchbohrten.
Ein seltsames Gefühl gesellte sich zu dem Ärger darüber, dass der Soldat den Befehl nicht kommentarlos befolgt hatte; Anerkennung für dessen Mut, einen Ranghöheren zu hinterfragen. Er selbst hätte nicht einen Gedanken daran verschwendet, im Gegenteil, Rodrik hätte in erster Linie Wert darauf gelegt, seine Angst zu verbergen, um möglichst souverän zu wirken. Er schritt langsam auf den Soldaten zu. Direkt vor ihm angekommen glättete Rodrik in aller Ruhe seine Haare, er kontrollierte den Seitenscheitel.
Mut konnte schnell zur Falle werden, besonders in einem System, in dem dafür kein Platz vorgesehen war.
Die verkrampfte Körperhaltung des jungen Mannes zeugte unmissverständlich von seiner Anspannung. Er blieb Rodriks Blick einem weiteren Moment ausgeliefert, ein leises Zittern legte sich um seine Glieder. Zu seinem Glück, in jedem anderen Fall hätte der Inquisitor sich die Zeit genommen in besonderem Maße für die Auffrischung des fehlenden Respekts zu sorgen.
Er hatte sich selbst die letzten Jahre über harter Disziplin unterworfen, um diese Machtposition zu erreichen. Ihm gebührte nicht nur Bewunderung dafür, er genoss sie als Lohn für seine Entbehrungen. Oder als Ausgleich für die Verdrängung, die ihm neben den unerwünschten Gefühlsregungen auch einen Teil seiner Menschlichkeit nahm?
»Meine Ermittlungen haben ergeben, dass sie dem Untergrund angehören«, sagte der Inquisitor, »du darfst dich entfernen.«

Eiligen Schrittes näherte sich Rodrik dem Zimmer des Ratskoordinators von Alsun. Den irritierten Blick des Mannes, als er die Tür ohne Klopfen aufstieß, überging er gewohnheitsgemäß.
»Für das Protokoll, dies ist meine Zusage, den diplomatischen Verhandlungen im Grenzland beizuwohnen.«
Der rundliche kleine Mann zückte beflissen ein Schriftstück. Die Feder schwebte einen Moment unbeschäftigt über dem Tintenfass. »Nun äh, die erste Sitzung wird bereits heute Abend stattfinden.«
»Dessen bin ich mir bewusst«, erwiderte Rodrik scharf.
Der Koordinator reckte das Kinn ein Stück vor. »Kein Grund die Haltung zu verlieren, Inqusitor von Helladun.«
Rodrik seufzte auf. »Bitte verzeih, mein Bester«, säuselte er dann in großzügig vorgeschobener Freundlichkeit, »eine private Angelegenheit, die ich zuerst abschließen musste, hielt mich auf.«
»Etwas Privates? Laut Beschluss zwei des Ratskonvents unter Vorsitz des ehrenwerten Hellmar Talfeld, aus dem Jahre Einhundertdreiundvierzig der durischen Ratsherrschaft, festgehalten in der achten Niederschrift der ergänzten diplomatischen Bestimmungen zur erweiterten Amtspflicht der Inquisitoren, hat ein Inquisitor bei offiziellen Gesprächen mit den Nordarealen anwesend zu sein. Da die Gespräche in Helladun stattfinden, obliegt dir das Recht diesen Platz selbst einzunehmen, du bist jedoch berechtigt einen Vertreter zu bestimmen.«
»Danke, ich kenne die Rechtsgrundlage.« Rodrik stützte sich mit den Fingerspitzen auf dem Tisch ab und beugte sich dann langsam zu dem pflichtbewussten Mann hinunter.
»Nun, es handelte sich um eine Heiratsabsprache. Die Braut befindet sich in dem Anwesen, in dem die Verhandlungen abgehalten werden. Ich verbinde gern das Nützliche mit meinen Landespflichten. Es handelt sich somit nicht um einen Hinderungsgrund, sondern um eine praktische Verknüpfung.« Ungeduldig bemühte er sich dabei, seiner Rede einen jovialen Unterton zu verleihen.
Diese ewigen Förmlichkeiten. Er hatte wichtigeres im Sinn und seine Heirat, die notwendigerweise erfolgen würde, gehörte nicht dazu. Sie würde jedoch zum gelingen seines Plans in nicht unerheblicher Weise beitragen. Um an einen Arealvorstand zu gelangen, brauchte er eine vorzeigbare Frau. Das erwartete Durias Gesellschaft von einem arrivierten Mann.
Der Feder wurde soeben - mit Tinte benetzt - eine sinnvolle Aufgabe zugeteilt: Die Eintragung im Protokoll. Danach musterte der kleine Mann den Inquisitor. »Dann darf ich gratulieren. Eine liebenswürdige Frau?«
Diese Hoffnung hatte Rodrik bereits vor Jahren aufgegeben, er hatte die Erfahrung gemacht, dass die Liebenswürdigkeit durischer Frauen konvergierend mit dem Grundbesitz des Mannes wuchs. Mit Mühe hinderte er den Zynismus in seinem Inneren am ausbrechen.
»Groß, blasshäutig und dunkelhaarig. Bestes süddurisches Erbe also, wie man mir versichert hat. Außerdem mit der Etikette bestens vertraut, da sie in einem renommierten Konvent unterrichtet wurde, wie es sich gehört. Sie wird wohl meinen Ansprüchen genügen«, bracht er es stattdessen auf den Punkt.

Sitz des Zentralen Rates in Alsun, Hauptstadt Durias
Krautmond im Jahre 151 durischer Ratsherrschaft (durische Zeitrechnung)

3 Jahre vor der Zeitenwende

nach oben ↑

Fael
Jahee-Geweihte, Hüterin

Die Augen des jungen Mannes folgten dem Beispiel des Seewinds, der frech den Ausschnitt ihres Hemdes umwehte, um auf diese Weise einen unverdeckten Weg auf ihre Haut zu schaffen.
Fael bemerkte es, ließ es jedoch unkommentiert. Seit dem Vorfall mit dem Pato‘ke-Speer wirkte Lian nicht mehr ganz so ungezwungen, wie in der Hafenschenke der Falkenbucht, oder bei ihrem zweiten Zusammentreffen am Stadttor. Auch wenn sie seine spielerische Art meist mit einem Augenrollen abgetan hatte, wollte sie gerade anfangen, diese offene Tändelei zwischen ihnen zu vermissen.
»Du hast gegen ihn gespielt, nicht wahr? Ich meine, um den Speer zurückzubekommen.«
Sie musterte Lian, doch antwortete ihm nicht. Er saß ihr gegenüber mit dem Rücken zum Meer auf einem Felsenabsatz. Die junge Frau selbst lehnte mit dem Kopf an ihrem Rucksack und hatte sich auf der sandigen Fläche davor ausgestreckt. Der vorweggegangene Marsch über die Felsen war mit Abstand der anstrengendste Teil ihrer Reise gewesen. Bisher unverarbeitete Eindrücke ihres gemeinsamen Weges sortierten sich gerade nach und nach.
Hon‘uku ewaar, das beliebte sambrische Strategiespiel, hatte mehrfach in ihrem Leben für Wirbel gesorgt. Dass ausgerechnet Lians Probleme mit diesem Spiel zusammenhingen, musste etwas zu bedeuten haben. Mit jeder ihrer Begegnungen war ihr Interesse an dem jungen Söldner gewachsen. Es fühlte sich wie ein Zusammentreffen von Umständen an, das Jahee für sie geschaffen hatte.
Sie sah ihrem Falken nach, er verschwand aus dem Sichtfeld und tauchte kurz darauf im Segelflug hinter den Klippen wieder auf. Faels Gedanken trugen sie über die felsige Küstenlinie hinweg zu der Zeit kurz nach ihrer Initiation, als sie mit Vanadis und Llew in der Klippenstadt Osunti‘el gewesen war.

»Hon‘ uku ewaar«, sagte sie freudig. Das junge Mädchen sammelte unter den erbosten Blicken ihrer Mitspieler den Einsatz vom Tisch.
»Das ist nicht dein Ernst, Mädchen!« Der Mann mit den grauen Haaren packte ihr Handgelenk, um sie daran zu hindern, die Kristalle an sich zu nehmen.
»Du hast gespielt und verloren«, sagte sie ruhig. In ihrem Kopf wollte sich kein Gedanke finden, der ihr Anlass gab, sich anders zu verhalten. Sie hatte die Leuchtkristalle ehrlich erspielt. Natürlich entging Fael der Ärger der besiegten Männer nicht. Vermutlich hatten sie das Mädchen unterschätzt und fühlten sich durch die Niederlage gedemütigt. Nun, Jahee hatte seine Gründe, ihnen diese Lehre mit auf den Weg zu geben. Sie jedenfalls musste zurück zu Vanadis und Llew, die beiden wunderten sich bestimmt, wo sie geblieben war. Mit einem kleinen Ruck befreite sie ihre Hand und ließ die wertvollen Steine in ihre Hemdtasche rutschen. Ohne den Männern, mit denen sie gespielt hatte, zu viel Beachtung zu schenken, erhob sich Fael und verließ die Terrasse durch eine niedrige Holzpforte. Ein Streit lag ihr fern, besonders da es den Spielern an Grundlage mangelte. Ihr Einsatz war verspielt, so lauteten die Regeln.
Der Weg zurück durch die verwinkelten Hafengassen entsprach bei Dunkelheit nicht ihren Erwartungen. Überall verstellten Grüppchen betrunkener Leute den Weg. Der Charakter der Klippenstadt zeigte im Mondlicht seine Narben. Die Männer und Frauen, durch die sie sich drängte, lärmten und schäkerten auf eine Weise, die schnell in eine bedrohliche Stimmung umschwappen konnte. Ihr fehlten die Erfahrungen in dieser Richtung, doch ihr Gespür für den Ausgleich, ihre Gabe, riet ihr unmissverständlich, sich zu beeilen.
›Osunti‘el ist ein gefährlicher Schmelztiegel!‹ Hörte sie Vanadis Worte in ihrem Inneren. ›Damals, als in Duria der Zentrale Rat gewaltsam die Macht übernommen hat, siedelten sich viele der Flüchtlinge in der Sichelbucht an. Die Zeiten waren schwer für sie und so wurden die Sitten rau.‹ Langsam begann sich ein Verständnis in der Halbwüchsigen dafür zu formen, was er damit gemeint haben könnte. Ihr zurückgezogenes Leben im Wald der Reisenden war nicht vergleichbar mit dem, was diese nächtliche Stadt ihr nun präsentierte.
Endlich etwas Ruhe. In einer menschenleeren Seitengasse verlangsamte sie ihre Schritte, um sich Orientierung zu verschaffen. Wo war das Haus, in dem sie übernachten wollten? Sie hatte sich von der Stimmung anstecken lassen. Einige besonnene Atemzüge würden sie beruhigen. Dann würde sie wieder Jahees Ruf wahrnehmen können, der ihr seit Kindesbeinen an zuverlässig den richtigen Weg zeigte.
»So, Süße, jetzt sei lieb und gib mir die Steine wieder!«
Sie fuhr erschrocken herum, der grauhaarige Hon‘uku-Spieler stand direkt hinter ihr.
»Wenn ich es mir recht überlege, ungezogen gefällst du mir besser. Ich könnte mir etwas Spaß zwischen deinen Schenkeln vorstellen, bevor ich mir die Kristalle zurücknehme.« Ein schmieriges Grinsen bog die Lippen ihres Gegenübers. Er streckte verlangend eine Hand nach ihrer Hüfte aus. Entsetzt stolperte Fael einen Schritt rückwärts. Die Bewegung des Mannes gefror noch während der Ausführung.
»Du möchtest nichts von beidem tun!«, gebot ihm plötzlich eine tiefe Stimme.
Der Mann wirbelte herum. Ein dumpfer Laut beendete seine Bewegung. Der Grauhaarige krümmte sich nach vorne, gerade so weit, dass Fael Llews Gesicht hinter ihm erkennen konnte.
»Warte an der Straßenecke auf mich!«, forderte er sie auf. Als das Mädchen sich nicht rührte, setzte er ein freundliches, »Bitte«, nach. Dabei legte er mahnend den Kopf schief. Fael gehorchte. In dieser Situation hielt sie ihre Vorbehalte für unangemessen. Sie wendete sich ab und lief zum Ende der Straße. Einen Lidschlag später erschien Llew neben ihr.
»Was in Dûns Namen hat dich dazu gebracht, Hon‘uku ewaar mit solch einem Gesindel zu spielen?«
Er zog sie an der Seitenstraße vorbei. Dabei fiel ihr Blick auf den Mann, der mit angewinkelten Beinen am Boden lag. Faels Verstand versuchte ihre Weltsicht mit dem Erlebnis in Einklang zu bringen. Sie spürte, wie ihre Knie zu zittern begannen. Langsam erkannte ihr Körper die Gefahr an, in der sie sich befunden hatte.
»Er hatte verloren und kein Recht mehr auf die Kristalle«, stellte sie verstockt klar. Llew bemerkte wohl die Angst, die sich nun deutlich um Faels Glieder legte, sein Griff wurde lockerer und seine Stimme weicher. »Das glaube ich dir. Nichtsdestotrotz war das eine schlechte Idee.«
»Du sagtest, ich würde sehr gut spielen«, setzte sie zur Erklärung an, »ich habe aber noch niemals gegen dich gewonnen. Da wollte ich herausfinden, ob du mich damit nur trösten wolltest.«
»Du kannst gegen mich nicht gewinnen«, murmelte Llew kopfschüttelnd in ihre Richtung.

»Ich weiß, du wolltest nicht darüber sprechen, aber so muss es gewesen sein. Karam‘besh hätte ihn niemals freiwillig wieder hergegeben.« Lian klang ernsthafter, als sie es ihm, nach seinem Auftritt am Stadttor, jemals zugetraut hätte. Wie immer wirkte sein Lächeln dabei galant und aufgeschlossen. Es holte sie sofort zurück ins Jetzt.
»Dann muss es genauso gewesen sein«, erwiderte sie schläfrig. In Wahrheit freute sie sich geradezu diebisch über sein Interesse und das schlechte Gewissen, das sie ihm anmerkte.
»Ganz ehrlich, Schönheit, du willst mich im Ungewissen lassen?« Er verließ seinen steinigen Sockel, um neben ihr Platz zunehmen. Auf seinem Weg sammelte er ein paar trockene Kampela-Baumblätter aus dem Sand auf.
»Ich bin ohnehin bereits von deiner Gnade abhängig.« Lian formte einen Fächer aus den Blättern und begann ihr mit übertriebenen Gesten Luft zuzuwedeln. Fael unterdrückte ein Kichern, stattdessen blinzelte sie nach links gegen die Sonne, um einen Blick auf ihre Freunde einzuholen. Jesmia und Sám saßen ein Stück weiter, sie unterhielten sich. Llew und Ella hatten noch nicht zu ihnen aufgeschlossen. Das bedeutete, sie hatten Zeit.
»Ich habe gegen ihn gespielt und gewonnen«, erklärte sie leichthin. Begleitet von einem Laut des Wohlgefallens räkelte sie sich unter dem Windhauch des Fächers. Tatsächlich nahm er ihr die Erinnerung an die stickige Schwüle in dem kleinen Raum, die der Gedanke an den unangenehmen Karam‘besh in ihr geweckt hatte. Der Luftstrom brach ab.
»Wie hast du es geschafft, gegen ihn zu gewinnen?«
Fael blickte dem jungen Söldner in die Augen, ihr klares Grünbraun blieb neugierig auf sie gerichtet. Die Hüterin spürte, wie ihr Interesse an dem Mann sich mit jedem Lidschlag ein Stück mehr in den Vordergrund pochte.
Um ihrer aufsteigenden Nervosität entgegenzuwirken, bedeutete sie ihm mit hastigen Handbewegungen seine Luftwedelei wieder aufzunehmen.
»Bei dieser Hitze fällt es mir schwer, mich zu erinnern«, neckte sie ihn. Sein Folgelächeln intensivierte das Pochen.
»Nachdem ich gemerkt habe, auf welche Weise er betrügt, war es ganz einfach.«
Wieder endete der Fächerwind.
»Also doch!«, grollte Lian dermaßen laut, dass ihre Schwester und Sam erschrocken zu ihnen herüber sahen. Durch eine wütende Handbewegung löste sich der Blätterfächer in seine Bestandteile auf und verteilte sich auf dem sandigen Grund. Lian atmete hörbar aus.
»Wie hast du es herausgefunden und warum spielst du so gut Hon‘uku ewaar?«, fragte er kurz darauf.
»Das hängt beides zusammen.« Abgelenkt beobachtete sie, wie eine Böe das lose Kampela-Laub vor sich her trieb. »Llew hat es mir beigebracht.«
»Llew, wie? Das erklärt einiges.«
»Ach ja? Was denn zum Beispiel?« Fael setzte sich interessiert auf und wendete sich Lian ganz zu. »In Falkenbucht haben mich mehrere Leute gewarnt, gegen ihn zu spielen, oder zu wetten«, erklärte der Söldner. »Hast du je gegen ihn gewonnen?«, fragte er nach einer nachdenklichen Pause.
Sie wartete ebenfalls einen Augenblick ab und genoss sein angenehmes Lächeln, das auf ihr ruhte.
»Ja, das habe ich.«
Der Wind scheuchte eine ihrer braunen Locken vor die Augen. Der junge Mann strich sie hinter ihr Ohr, dabei beugte er sich wie unbeabsichtigt ein wenig vor.
»Ich werde dir weder verraten, wie ich gegen Karam‘besh, noch wie ich gegen Llew gewonnen habe, bevor du nicht die erste Lektion gelernt hast«, flüsterte sie ihm entgegen.
»Erste Lektion?« Er glich sich ihrem gedämpften Tonfall an, dafür kam Lian ihr noch ein Stück näher.
»Setze niemals etwas aufs Spiel, das du nicht zu verlieren bereit bist.« Fael senkte mit kokettem Schwung ihre Wimpern, um die Lippen mit dem eingängigen Lächeln besser betrachten zu können.
Wie ein kleiner geschäftiger Nektarvogel, flatterte sogleich die Aufregung zurück in ihr Bewusstsein.
»Ich bin bereit, alles an dich zu verlieren, Schönheit«, murmelte er. »Fael«, korrigierte er sich selbst. Die Hüterin spürte, wie ihr harmonisches Inneres durcheinander wirbelte, dann spürte sie seinen Atem und begegnete seinen Lippen für einen Kuss.

Klippenpfad nach Osunti‘el, Sambrien
Lichtmond im Jahre 585 des Großen Schweigens (altdurische Zeitrechnung),

2 Jahre vor der Zeitenwende

nach oben ↑